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Fritz Stiegler - Cadolzburg (Mittelfranken)

Auszeichnung

Laudatio

"Haselnussplantagen, Tabak, Milchwirtschaft, Pferdehotel, Friseursalon, Kulturrausch, Völkerverständigung, Höhenrausch, Bauer, Fußball, Bergwelt, Musiggl, fränkische Mundartgedichte, Sahara, Hexenverbrennung, Traktor, Matterhorn, Weihnachtsgeschichte, Nepal, Rundfunk und Fernsehen, Holzhaus und Kilimandscharo, Magdalena: Ergeben solch zusammengewürfelte Stichworte je einen Sinn, ergeben sie gar ein typisch untypisches fränkisches Leben?

Er musste sich im wahrsten Sinn des Wortes erst vom Acker machen, damit wir ihm am Telefon mitteilen konnten, er solle den Frankenwürfel 2007 erhalten.

Seine Reaktion: »Do hauts mi etz scho vom Hogger no«.

Auf die Frage, ob er denn bereit sei, diese Ehrung auch anzunehmen, erwiderte er: »Do wäre i ja schee bled, wenn nedd:«

Nein, blöd ist er nun wirklich nicht. Im Gegenteil: Er ist fest in der Heimat verwurzelt, geradlinig und bodenständig, dabei aber immer offen für das Ungewöhnliche, sei es seine Vorliebe, seine witzigen Geschichten im Friseursalon zwischen den Trockenhauben zum Besten zu geben, seien es seine Ausflüge mit dem Traktor in die Bergwelt oder seien es progressive Neuentwicklungen in seinem erlernten Beruf: Wendig, witzig, widersprüchlich eben. Aber nun der Reihe nach:

Fritz Stiegler – so heißt unser mittelfränkischer Preisträger – ist am 17.1.1962 in Fürth geboren, am elterlichen Bauernhof aufgewachsen und Landwirtschaftsmeister. Die Eltern haben ihn nie gefragt, ob er Bauer werden wollte. »Es war einfach so und es war gut so«, denn Bauer ist manchmal wirklich der schönste Beruf, so seine Worte. In seiner Volksschulzeit handelte er sich die eine oder andere Zeugnisbemerkung ein, wonach der faule »aber ruhige Schüler ruhig etwas mehr aus sich herausgehen könnte«. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen und so hatte er 1979 – mit 17 – sein frühes »Coming Out« - als fränkischer Mundartdichter. Während viele seine Kameraden der Berufsschule noch unter dem Tisch Schafkopf spielten, schrieb er schon sein 1. Mundartgedicht, einfach so. Es hat sich ganz gut gereimt und den Mitschülern gefiel’s. Seine Karriere als Verschlasschreiber begann dann vor 24 Jahren auf der Steinbacher Kärwa, als ihn der örtliche Feuerwehrkommandant auf die Bühne zum Vorlesen seines ersten Verschlas nötigte. Er muss wohl kurz vorher eine etwas unglückliche Erfahrung gemacht haben, denn es war ein eher böses Gedicht über Frauen. Bei den Männern im Bierzelt kam das natürlich hervorragend an. Heute sagt er übrigens, dass er das Gedicht von damals nicht wieder vorlesen würde, er bezeichnet es als eher plump und einfältig.

Wenn er auf seinem Traktor sitzt, dabei die Stereoanlage voll aufgedreht hat und leidenschaftlich Bayern 4 Klassik hört, kommen ihm die besten Ideen. Seit Jahren fallen ihm so zahlreiche Gedichte und Geschichten ein, die er in fränkischer Mundart zu Papier bringt. So verbindet sich also Beruf und Berufung zu einer geradezu »heiligen« Allianz.

Aus »di haufm Bräsäli« – O-ton Stiegler – sind mittlerweile sechs im Eigenverlag veröffentlichte »Büchla« geworden, in denen er, der leidenschaftliche Franke, die Franken in allen Lebenslagen, ihre Stärken und Schwächen mit hinter- und tiefsinnigem Humor beschreibt. Seine Versla und Geschichten sind heiter, lustig, witzig. Und doch versteckt er immer wieder auch in seinen heiteren Geschichten Sozialkritik und seinen Traum von einer friedlichen Welt, subtile Nuancen, die sich aber nur dem erschließen, der sich ernsthaft mit seinen Geschichten befasst.

1988 erschien sein erstes, 2007 sein bisher letztes Büchla – »Magdalena«. Wobei hier von einem »Büchla« wirklich nicht mehr die Rede sein kann. Denn »Magdalena«, ein Buch das zur Zeit der Hexenverbrennungen in Cadolzburg spielt, ist die fast 300-seitige hochdeutsche Romanversion seines in fränkisch geschriebenen Drehbuchs zum Musical Magdalena (Kommentar Stiegler: »des wenn meini Lehrer wisstn«). Für einen fränkischen Mundartdichter ein wahrlich widersprüchliches Unterfangen. Noch heute, wenn er das Buch Magdalena liest, hat er das Gefühl, »die Goschn« würde sich aushängen. Das Drehbuchschreiben für das Musical war für ihn ein Sprung ins eiskalte Wasser. Er hatte doch noch nie ein Musical gesehen und darüber hinaus einen Fünfer in Musik. Aber ganz gewitzt und wendig, gelang mit Unterstützung eines Komponisten und eines Managers die große Herausforderung: Zur 850-Jahrfeier von Cadolzburg wurde das Musiggl – wie er es ausspricht – mit über 100 Darstellern und fast zweijähriger Probezeit zu einem Höhepunkt des Festjahres 2007 mit 22 Aufführungen in der Cadolzburg, vor über 12.000 Besuchern, eine Benefizveranstaltung zugunsten der Cadolzburger Nepalhilfe inklusive. Der Zeitdruck, das hochdeutsche Buch rechtzeitig zur Premiere fertig zu bringen, war allerdings immens. Am Tag Bauernhof, in der Nacht Buch, dazu noch das Musiggl einstudieren, da hat’s a bisserla ärcha pfopferd seine Frau, um später aber doch wieder bei der Fehlersuche zu helfen. Auch die 2 Söhne – Thomas und Martin – mussten mit ran und waren fast bis zur Verweigerung damit beschäftigt, den Computer zu stopfen« (so Originalton Stiegler).

Manches Mal hätte er den ganzen »Grembl « fast in den Ofen geschmissen. Nichtsdestotrotz, das Buch wurde fertig, zwei Tage vor der Premiere, oder eigentlich vier. Die Premiere musste nämlich um 2 Tage verschoben werden wegen Dauerregens. Der Regen hat dann aber doch wieder ganz gut gepasst – wenn auch für die Haselnüsse.

Es wäre nämlich viel zu kurz gegriffen den Schdieglers Friddz allein auf seine Dichtungen zu reduzieren. Wenn er nämlich gerade mal nicht dichtet, Stücke für die Theatergruppe der Jungbauern schreibt, musigglt, unter dem Titel »Kulturrausch« zur Völkerverständigung Sing- und Musikgruppen aus ganz Bayern organisiert, die er mit seinen Mundartgedichten begleitet, zur Vorweihnachtszeit seine fränkische Weihnachtsgeschichte mit volksmusikalischer Untermalung in Kirchen vorträgt, Lesungen im Rundfunk und Fernsehen macht, dann bewirtschaftet er zusammen mit seiner Frau Sieglinde ganz nebenbei – so scheint es jedenfalls – seinen Bauernhof in Gonnersdorf, einem Ortsteil von Cadolzburg. Auch hier zeigt er immer wieder seine Wendigkeit und seine Bereitschaft, Neues zu riskieren: »Pferdehotel « statt Milchwirtschaft und statt Tabakanpflanzung, wegen ausbleibender EU-Subvention nicht mehr rentabel, jetzt – wieder mit Unterstützung der EU – eine 4 Hektar große Haselnussplantage. Zwar war der Start mit 1.500 Pflanzen denkbar schlecht, weil 50% der Pflanzen unrettbar krank waren. Aber ganz Pionier verfolgt er unbeirrbar die Idee des Haselnussanbaus weiter, gründete als Überzeugungstäter sogar den Verein der fränkischen Haselnusspflanzer, auch wenn er im Jahr 2006 selbst nur 2 Nüsse geerntet hat. Für 2007 rechnete er gar ganz optimistisch mit einer satten Erntesteigerung auf 1.500 %, also auf ganze 30 Nüsse! Die erste Vollernte wird zwar erst in 7 Jahren erwartet, dann aber soll der Hektar über Jahrzehnte 30 Doppelzentner im Jahr abwerfen. Bis es soweit ist, wird der Stieglers Fritz noch so manche Haselnuss zu knacken haben. Aber dann, dann wird der Aufstieg unaufhaltsam sein. Und aufs Aufsteigen, darauf versteht er sich. Zwar war ihm das Fußballspielen vom Vater verboten, weil »ein gscheiter Bauerssohn schließlich was arbeiten und nicht seine ganze Zeit am Fußballplatz verbringen soll«. Dafür erlaubte er ihm aber, mit ihm zu klettern, was man wiederum gemeinsam vor der Großmutter geheim halten musste, weil »ein gscheiter Bauer schließlich nicht »auf Klettern geht«. Und so ging es immer höher hinaus, bis auf den Gran Paradiso und auf den Mont Blanc sogar. Als 21-Jähriger fuhr er mit einem Fendt-Bulldog in 30 Stunden nach Zermatt, um das Matterhorn zu besteigen. Dies gelang zwar nicht ganz, da sein Bergkamerad 100 m unter dem Gipfelkreuz höhenkrank wurde. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, sich weitere Ziele zu stecken. Noch 1986 bekam er fünf Wochen Auszeit, um mit einigen Kameraden die Sahara und Ägypten zu erkunden. Und 2005 schließlich erfüllte er sich einen Lebenstraum und bestieg den Kilimandscharo. Selbst zwei schmerzhaft vereiterte Zähne konnten ihn daran ebenso wenig hindern wie seine Ehefrau. Denn mit der hatte er, wie er selbst sagt, einen »unseriösen « Kompromiss geschlossen: Er baute für die Familie das lang ersehnte Holzhaus etwas schneller und durfte dafür auf das Dach Afrikas. Und zwischen Sahara und Kilimandscharo gründete er, dem das Fußballspielen in der Jugend verboten war, den Fußballclub »Sportfreunde Gonnersdorf« und trainiert seit 14 Jahren jeden Montagabend mit. Seine Frau Sieglinde habe, so sagt er, am Anfang zwar schon etwas genörgelt. Aber dieses »pfopfern« hat er geduldig ertragen, bis sie sich daran gewöhnt hat. Denn schließlich lässt er sich das Fußballn kein zweites Mal verbieten.

Fritz Stiegler ist mit seiner Heimat tief verwurzelt und mit seinen Werken ist er ein Botschafter des Fränkischen. Er ist einer aus dem Volk, mit dem Herz am rechten fränkischen Fleck, ein Franke mit Charisma. Fritz Stiegler hat in seinem Winterbüchla das Wort Charisma wie folgt erklärt:

»Das ist eine Ausschdrohlung« und wenn einer eine »Ausschdrohlung« hat, dann »bassds«.

Und wie hat erst kürzlich ein heute anwesender Altgewürfelter in den NN vom 13.10.2007 den Begriff »Bassd scho« - ein Lieblingswort der Franken - zu umschreiben versucht?: »Ausdruck der leidenschaftlichen Zustimmung, der absoluten Bejahung, der deutlichsten Ausprägung von Gefühlen, Zeichen fränkischer Euphorie«!

Wendig, witzig, widersprüchlich! Der Schdieglers Friddz - ein Franke wie er im Buche steht, ein wahrer und würdiger Träger des Frankenwürfels, der bassd scho! Herzlichen Glückwunsch, Fritz Stiegler - und willkommen im erlauchten Kreis der »Gewürfelten«!"

KARL INHOFER
Regierungspräsident von Mittelfranken