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Erna Paul - Wiesenbronn (Unterfranken)

Auszeichnung

Laudatio

"Erna Paul aus Wiesenbronn – Mundartdichterin, Hobby-Historikerin und Multitalent in einer Person. Das sind jedenfalls die am häufigsten verwendeten Attribute, wenn von dieser Gewürfelten die Rede ist.

Für die Mundartdichterin Erna Paul zählt nicht die große, weite Weit; ihr literarisches Augenmerk richtet sich vielmehr auf die »kleine Heimat«, ihr Zuhause in Wiesenbronn am Fuße des Schwanbergs. Die Motive für ihr dichterisches Wirken beschränken sich nicht etwa nur darauf, »wiesenbronnerisch « zu denken und zu sprechen, sie möchte mit ihrer Gabe, in Poesie und Prosa Begebenheiten und Erlebtes ausdrucksvoll wiederzugeben, vor allem die Menschen beglücken und erreichen, dass nicht der Mantel des Vergessens über fränkisches Brauchtum ausgebreitet wird.

Ihr schriftstellerisches Repertoire reicht von Heiterem bis hin zu Besinnlichem und oftmals dient der konkrete Anlass, beispielsweise die Rathauseinweihung oder das Winzerfest, als Aufhänger, etwas zum Besten über das zu geben, was sie mit ihrer ausgeprägten Beobachtungsgabe an Besonderheiten und Kuriosem wieder einmal aufgespürt hat.

Vor allem der Alltag mit seinen Widersprüchlichkeiten dient Erna Paul als Vorlage für ihre faszinierenden Bilder von Franken und seinen Menschen, die sie mit hintersinnigem Humor und Einfallsreichtum in ihre Mundarttexte umsetzt. Da müssen die »Wengersstickl « schon ’mal herhalten, um den Herrschaften klarzumachen, dass ohne dieselben das reine Chaos ausbrechen würde, denn »Wengersstickl senn der Halt fer des Gewächs, nach dem die ganze Menschheit lächzt«.

In der Sparte »Besinnliches« haben es Erna Paul das Weihnachtsfest und die Osterzeit besonders angetan. »Osterhos« und »Bätzer « sind jedenfalls ihre Lieblingstiere und wir vermuten, ihre vielen Oster- und Weihnachtsgeschichten haben wir diesem Faible zu verdanken.

Zu Erna Paul’s Repertoire gehören aber nicht nur Mundartgedichte, sondern auch Theaterstücke, die die Wiesenbronner Ortsbevölkerung regelmäßig zu Beifallsstürmen hinreißen lassen, so geschehen beispielsweise in »Der Rachescherm«, einer Glosse über die Vorbereitungen eines Ehepaares für »den Weg nach Kitzi«. Auch auf diesem literarischen Feld bleibt die Liebe zum Kleinen und Liebenswürdigen unverkennbar und die Neigung der Fränkin zum Detail wird spürbar. Nicht das überzogen Künstlerische, sondern die detailgenaue Darstellung des Einfachen ist es, das ihre Werke auszeichnet.

Über die Wurzeln dieser fränkischen Originalität können wir nur spekulieren. Vielleicht liegen sie in der Tatsache begründet, dass »Erna«, wie sie in Wiesenbronn von jedermann genannt wird, in der Dorfschmiede als dem »Informations- und Kommunikationszentrum « früherer Zeiten aufgewachsen ist, 20 Jahre das Amt der Ortsbäuerin bekleidet hat, und vielleicht liegt es auch ein klein wenig daran, dass sie an einem 1. April das Licht der Welt erblickte.

Auf Erna Paul ist in jeder Hinsicht Verlass. Das demonstriert sie in eindrucksvoller Weise, wenn es darum geht, für eine Veranstaltung etwas auf die Beine stellen zu müssen. Schließlich »muss mer der Leut wos biat« und so schreibt sie voller Ideen und mit viel Akribie Drehbuch, führt Regie und schlüpft sogar in die Rolle der Kostüm- und Maskenbildnerin. Damit Empfänge und Umzüge nicht »so strümpfert« über die Bühne gehen, müssen alle Akteure persönlich bei ihr vorstellig werden und in einer Art »Abnahmetermin« sich den Paulschen Segen geben lassen. Wer also das vielbeschäftigte Organisationstalent anzuheuern gedenkt, der möge es gleich tun oder sein Glück am Sonntagvormittag im örtlichen Schwimmbad versuchen, wo Erna Paul nach dem Gottesdienst selbstverständlich – stets zu finden ist.

Wir möchten die Laudatio auf Erna Paul nicht beenden, ohne die Frage nach dem »Warum« gestellt zu haben. Auf die Frage, aus welchem Grund sie sich denn eigentlich so intensiv und liebevoll um Wiesenbronn kümmere, antwortet Erna Paul mit einem Satz aus dem Mittelalter: »Dass ich dem Volk ohn Nutz net leb«. "

Dr. FRANZ VOGT
Regierungspräsident von Unterfranken